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Young man smoking at a window © Leonie Kierstein

Die Pandemie als Wegweiser zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen?

Zuletzt aktualisiert am Montag, 23/05/2022

Content Note: Achtung, in diesem Artikel geht es um Depressionen und psychische Erkrankungen. Wenn du dich damit unwohl fühlst, lies den Artikel besser nicht, oder zumindest nicht allein!

Isolation, fehlende soziale Kontakte, Einsamkeit, keine Partys und kein Abschlussball – junge Menschen sind in den letzten zwei Jahren der Pandemie unumstritten auf der Strecke geblieben. Für die mentale Gesundheit hatte das deutliche Folgen: psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen haben sich beinah verdoppelt, wie Studien des UKE Hamburg zeigen. Dazu zählen vor allem depressive Symptome und Angststörungen, aber auch psychosomatische Symptome, wie zum Beispiel Bauch- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Niedergeschlagenheit. Wie haben also Jugendliche, die bereits vor der Pandemie mit ihrer mentalen Gesundheit zu kämpfen hatten, die Pandemie erlebt? In diesem Artikel sollen genau diese Personen zu Wort kommen. Welche Hürden und Probleme treten auf und warum ist es in Deutschland eigentlich so schwer, an einen Therapieplatz zu kommen?

„Der erste Lockdown glich einer Schockstarre.“ – Lara (Name geändert), 24 

Schul- und Universitätsschließungen, Kontaktbeschränkungen und der Wegfall sozialer Events hatten für viele junge Menschen die gleiche Folge: Einsamkeit. Insbesondere für junge Leute mit psychischen Erkrankungen ist die fehlende soziale Interaktion eine Herausforderung. Dazu kommt vor allem bei Schüler*innen und Studierenden die fehlende Tagesstruktur, was in vielen Fällen depressive Symptome sogar verstärkt. Rund ¾ der an Depressionen erkrankten Personen geben demnach an, eine fehlende Tagesstruktur sei für sie sehr belastend*.  

Einige Themen sind durch die Pandemie besonders in den Vordergrund gerückt: Wir haben vermehrt Kinder und Jugendliche mit depressiven Verstimmungen und Ängsten, Suchterkrankungen und Essstörungen gesehen.“, berichtet auch Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm.

Photo of Professor Martin Holtmann

Professor Martin Holtmann

Es zeigt sich also unumstritten, dass der Lockdown negative Auswirkungen auf die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat. Aber vielleicht kann genau diese Situation jetzt genutzt werden, um das Thema in den Fokus zu rücken. Denn leider wird immer noch zu wenig über psychische Erkrankungen aufgeklärt und es gibt immer noch zu wenig Hilfsangebote für Betroffene.

Das Problem mit den Therapieplätzen

Für viele Betroffene ist die Suche nach einem geeigneten Therapieplatz eine wirkliche Farce. „Gerade für eine Person mit psychischen Problemen ist es unendlich schwer, sich von all den Absagen, Warteschlangen, Besetztzeichen und unbeantworteten Anfragen nicht unterkriegen zu lassen.“ Lara, dessen Namen wir hier geändert haben, beschreibt die Suche nach einem Therapieplatz als unendlich mühsam. Warum dauert es also so lange, einen Therapieplatz zu finden und welche Hürden muss man dabei überwinden? Ein großes Problem in Deutschland sind die fehlenden Kassensitze für Psychotherapeut*innen und. Was bedeutet das genau? Nur diejenigen Ärzt*innen, die einen Kassensitz in Deutschland besitzen, können ihre Behandlungen bei den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Da diese Plätze aber sehr rar sind, können zu wenig erkrankte Personen überhaupt behandelt werden. Die Folge davon sind unendlich lange Wartelisten und Absagen für Erkrankte. Durchschnittlich sechs Monate warten Patient*innen in Deutschland auf einen Therapieplatz, viele sogar noch länger. 

[Das Thema] ist in unserer Gesellschaft einfach ein blinder Fleck: Wie geht sowas? Wie komme ich an einen Therapieplatz? Was muss ich dafür in die Wege leiten? Da muss noch viel mehr Aufklärung betrieben werden.“ – Justus, 25

Das alles führt für viele junge Menschen auch zu persönlichen Hindernissen, die überwunden werden müssen: sich aufraffen, den Hörer in die Hand zu nehmen. Die Angst vor Zurückweisung. Finde ich eine*n Therapeut*in, der*die zu mir passt? „Die Suche nach einem geeigneten Therapieplatz ist für Familien oft eine wirkliche Herausforderung. Die Behandlungsangebote sind in den unterschiedlichen Regionen Deutschlands nicht gleichmäßig verteilt.“, sagt auch Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann. Hinzu kommt, dass aufgrund der pandemischen Bedingungen Kliniken (teilweise) geschlossen wurden, Personal überdurchschnittlich oft erkrankte und Therapieprogramme reduziert wurden. Eine Entwicklung, die für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, sehr problematisch werden kann.

Stichwort: Aufklärung!

Der Lockdown während der Pandemie hat uns deutlich gezeigt, dass psychische Erkrankungen längst kein außergewöhnliches Phänomen mehr sind, sondern dass viele Menschen und darunter besonders viele junge Personen, Probleme mit ihrer mentalen Gesundheit haben. Es müssen viel mehr Hilfsangebote in diesem Bereich geschaffen werden. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, trotzdem lautet das Stichwort immer noch: Aufklärung! Und zwar so viel wie möglich.

Es ist halt eine Erkrankung und wir sollten da genau so offen drüber sprechen. Ich bekomme da trotzdem immer noch ganz viel Scham entgegengebracht.“ – Josephine, 26

Dass sich junge Menschen schämen müssen, über ihre Erkrankung zu sprechen ist Teil des Problems. Die Lösung muss also lauten: Entstigmatisierung und Aufräumen mit Vorurteilen! „Auch wenn das Wissen über psychische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten in der Bevölkerung generell, aber auch bei pädagogischen Fachkräften und Ärzt*innen besser geworden ist, sollten die Aufklärungsbemühungen weitergehen. Eine besondere Rolle können hierbei Berichte von Betroffenen spielen, die ihre hilfreichen Erfahrungen im Umgang mit psychischen Herausforderungen teilen.“, erklärt Prof. Holtmann. Denn bei vielen Menschen ruft das Stichwort „psychische Erkrankung“ immer noch viele Klischees hervor. Befeuert wird das unter anderem auch durch die Medien: Sei es im Krimi, in dem eine psychisch erkrankte Person als böser Straftäter dargestellt wird. Oder auch die Darstellung psychiatrischer Einrichtungen als dunkle, schaurige Orte, in denen schreiende Menschen sitzen. Nein, das ist nicht die Realität. Die Realität zeichnet ein ganz anderes Bild. Josephine berichtet mir zum Beispiel lachend, dass ihr Klinikaufenthalt der beste Urlaub ihres Lebens war. 

Auch wenn die Ausnahmesituation während der Pandemie für viele Menschen eine sehr schwierige Zeit war, kann sie dennoch als Wendepunkt in der Diskussion über psychische Erkrankungen angesehen werden. Denn durch die plötzliche Isolation und Einsamkeit, die vielen jungen Menschen den Boden unter den Füßen weggerissen hat, rückt das Thema immer mehr in den Fokus und bekommt viel mehr (mediale) Aufmerksamkeit. Und das zeigt wiederum: Psychische Erkrankungen sind normal. Niemand muss sich dafür schämen. Viele junge Menschen sind betroffen. Wir müssen nur endlich anfangen, das auch so wahrzunehmen! Wenn Vorurteile aufgelöst werden und Stigmata der Vergangenheit angehören, muss sich niemand mehr verstecken. Ein Thema, das nicht von Scham oder Tabus behaftet ist, kann leichter diskutiert werden und rückt somit (hoffentlich) schneller in den Fokus der Politik, die für eine wirkliche Verbesserung der Situation verantwortlich ist.
 

*Quelle: Deutsche Depressionshilfe

 

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Meet the author Leonie Kirstein

"I am now in the final stages of my master's degree program “European Culture and Economy” which hopefully will take me to work in a European context and to be in contact with people of various nations and cultures. Being a part of the European Pool of Young Journalists allows me to make my voice heard and work towards a better future because I really believe in the importance of spaces where participation of young people in Europe is encouraged. The causes close to my heart are animal welfare, feminism, and equality."

 

This article reflects the views of the author only. The European Commission cannot be held responsible for it. The original version of the article was written in German.

 

dehaze